Entstehung der "Musikschachtel"

 

 

Es gibt kein anderes Musikinstrument, dessen volle Beherrschung in der späteren Lernphase so viel Vorsicht und Präzision am Anfang des Lernens verlangt, wie die Geige.

Leopold Auer

 

 

      Die Kompositionen dieses Buches sind aus meinen pädagogischen Bedürfnissen heraus entstanden. Das erfolgreiche Lernen eines Musikinstruments hängt zu einem großen Teil vom Lernstoff ab und gerade für die ersten Schritte auf der Geige habe ich nicht viel gefunden, was ich gleichzeitig  pädagogisch nützlich und musikalisch schön fand. Bevor ich selber zu komponieren anfing, habe ich mit mehreren gängigen Violinschulen gearbeitet, war jedoch mit keiner von ihnen glücklich. Erstens fand ich zum Lernzweck komponierte Stücke in musikalischer Hinsicht oft unbefriedigend. Zweitens bin ich aufgrund meiner langjährigen Unterrichtserfahrung  zu dem Schluss gekommen, dass die Schwierigkeiten, die mit der Verarbeitung des Notentextes zusammenhängen,  am Anfang des Geigenlernens  minimiert werden müssen. Es ist von Vorteil, in der Anfangsphase längere Zeit, bis ein gewisser „Mobilitätsgrad“  beim Spielen erreicht ist, den Lernstoff auf die Stücke einzuschränken, die sich mit der sogenannten 1. Griffart (Halbton zwischen dem 2. und 3. Finger) spielen lassen. So kann der Schüler sich besser auf die Grundelemente des Spiels, die sogenannten Grundfertigkeiten wie richtige Haltung, Auf- und Absetzen von Fingern, Streichen, Saitenwechsel, Erkennen der Noten und deren Zuordnung zu einem bestimmten Finger auf einer bestimmten Saite konzentrieren.

      Früher bin ich in meinem Unterricht immer wieder auf das Problem  mit dem Repertoire gestoßen. Ich kam oft in die Situation, dass alle vorhandene Stücke für die 1. Griffart bereits gespielt worden sind  und es dabei noch absolut unzumutbar war, mit der 2. Griffart anzufangen: der Schüler wäre damit völlig überfordert und hätte gar nicht darauf achten können, ob sein 2. Finger tiefe oder hohe Lage einnimmt. Das hat mich dazu gebracht, meine eigene Violinschule für Anfänger zusammenzustellen. Zuerst habe ich bekannte Volks- und Kinderlieder gesammelt und sie für die 1. Griffart umgeschrieben. Bald habe ich festgestellt, dass ein oder zwei 8 bis 16 Takte lange Lieder den Fingern und dem Kopf des Schülers nicht ausreichend Training geben. Diese Aufgabe, den Schüler motorisch und mental auszulasten, Grundfertigkeiten aufzubauen und diese ohne Anstrengungen nutzen zu lernen, hätten Etüden erfüllen können. Aber Etüden für die 1. Griffart habe ich nur ein paar gefunden, und die fand ich musikalisch unattraktiv. Überhaupt sehe ich das Verwenden von Etüden – besonders beim Unterrichten von  kleinen Kindern – als problematisch an: musikalisch uninteressante  Sachen, die Schüler nicht ansprechen (viele Etüden sind leider so), können den Spaß am Geigenlernen völlig zunichte machen und dadurch mehr schaden als nutzen. Die Schüler haben meine Meinung mehrfach bestätigt, indem sie sich geweigert haben, Etüden zu spielen. Bei besonders fleißigen Schülern ist es anders: sie  üben auch ein ungeliebtes Stück, aber der Lernprozess ist nur dann effizient, wenn der Lernende emotional stark beteiligt ist.

So bin ich auf die Idee gekommen, selber Stücke zu komponieren, die einerseits die einerseits die Rolle von Etüden einnehmen, andererseits die Schüler musikalisch ansprechen. Anfangs waren es die Stücke für die 1. Griffart, die den Inhalt des 1. Bands der „Musikschachtel“ darstellen. Das Resultat hat alle meine Erwartungen übertroffen. Die Stücke sind bei meinen Schülern und ihren Eltern sehr gut angekommen. Kinder spielen sie gern und machen sichtbare Fortschritte. Das ermutigt die Schüler und motiviert sie, weiterhin das Geigenspiel zu erlernen. Nachdem Heinrichshofen`s Verlag im 2012 den 1. Band der „Musikschachtel“ herausgegeben hat, habe ich auch von  vielen meiner Kollegen positive Rückmeldungen bekommen. Die „Musikschachtel“ wird von vielen Kollegen erfolgreich im Unterricht angewendet.

Im 2. Band der „Musikschachtel“, der erst vor kurzem erschienen ist, werden der Reihe nach die 2. Griffart, die 3. Griffart und die halbe Lage erarbeitet. Im Anschluss folgen Stücke mit einfachen Doppelgriffen und Stücke, mit denen der Schüler lernt, von einer in eine andere Griffart bzw. von der 1. Lage in die halbe Lage zu wechseln.

Jedem Kapitel, ausgenommen den Doppelgriffen, sind Übungen vorangestellt, die den Schüler auf die jeweils neuen Aufgaben vorbereiten. Das Spielen der Übungen wird reizvoller, wenn der Lehrer dazu mit Akkorden auf dem Klavier begleitet. In der Klavierstimme sind die Übungen dafür in die rechte Hand gesetzt, während die linke Hand dazu Harmonien spielt.

Hier finden Sie Informationen über die Struktur und den Inhalt der "Musikschachtel" und einige Hörbeispiele.


 

                                                                                                                    Vladimir Rivkin